Longevity ist eines der am schnellsten wachsenden Gesundheitsthemen. Was steckt hinter dem Begriff, wie viel liegt in den Genen – und was zeigen Studien darüber, was ein langes, gesundes Leben tatsächlich beeinflusst?
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Was bedeutet Longevity?
Longevity ist das englische Wort für Langlebigkeit. In der Forschung und zunehmend auch im Alltag steht der Begriff aber für mehr als nur ein hohes Lebensalter. Gemeint ist die Frage, wie möglichst viele Lebensjahre gesund, selbstständig und aktiv verbracht werden können.
Die Wissenschaft unterscheidet dafür zwei Größen: die Lebensspanne (englisch „lifespan“), also wie alt ein Mensch wird, und die Gesundheitsspanne („healthspan“), also wie viele dieser Jahre ohne wesentliche gesundheitliche Einschränkungen vergehen. Wie groß der Unterschied ist, zeigen die Zahlen von Eurostat: In der Europäischen Union lag die Lebenserwartung 2023 bei Frauen bei 84,0 und bei Männern bei 78,7 Jahren. Ohne Einschränkungen im Alltag verbringen Menschen im Durchschnitt aber nur rund 63 Jahre. Bei Frauen sind das etwa drei Viertel ihrer Lebenszeit, bei Männern etwa vier Fünftel.
Longevity im engeren Sinn heißt deshalb: die Lücke zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne zu verkleinern.
Wie viel liegt in den Genen?
Weniger, als oft angenommen wird. Frühere Familien- und Zwillingsstudien schätzten den Anteil der Gene an der Lebensdauer auf 15 bis 30 Prozent. Eine Auswertung sehr großer Stammbaum-Datensätze kam zu einem anderen Ergebnis (Ruby et al., 2018): Weil Partner sich in Lebensstil und Lebensumständen oft ähneln, wurde der genetische Anteil lange überschätzt. Berücksichtigt man das, liegt die Erblichkeit der Lebensdauer deutlich unter 10 Prozent.
Das heißt nicht, dass Gene keine Rolle spielen – bei sehr Hochbetagten scheinen sie wichtiger zu werden. Für die meisten Menschen bestimmen aber Lebensstil und Umwelt einen großen Teil dessen, wie sie altern.
Warum wir altern: die zwölf Kennzeichen des Alterns
Was beim Altern im Körper passiert, hat die Forschung in einem viel zitierten Modell zusammengefasst, den „Hallmarks of Aging“. In der aktuellen Fassung (López-Otín et al., 2023) werden zwölf Kennzeichen beschrieben:
- Instabilität des Erbguts
- Verkürzung der Telomere, der Schutzkappen der Chromosomen
- epigenetische Veränderungen
- Verlust der Proteinqualitätskontrolle (Proteostase)
- eingeschränkte Autophagie, das „Recycling“ der Zelle
- gestörte Nährstoffwahrnehmung
- Funktionsverlust der Mitochondrien
- zelluläre Seneszenz, also Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber aktiv bleiben
- Erschöpfung der Stammzellen
- veränderte Kommunikation zwischen den Zellen
- chronische Entzündung
- Veränderungen der Darmflora (Dysbiose)
Die Kennzeichen hängen eng zusammen. Besonders die chronische, niedriggradige Entzündung gilt als Bindeglied zwischen vielen von ihnen – die Forschung spricht von Inflammaging. Auch das Molekül NAD+, das für den Energiestoffwechsel der Mitochondrien wichtig ist, wird in diesem Zusammenhang intensiv untersucht; mehr dazu im Beitrag NAD+ und Zellalterung.
Was die Forschung über Lebensstil und Longevity zeigt
Fünf Faktoren, über zehn Jahre
Eine große Auswertung zweier US-Langzeitstudien mit über 123.000 Teilnehmenden (Li et al., 2018) untersuchte fünf Lebensstilfaktoren: nie geraucht, mindestens 30 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag, ein normales Körpergewicht, eine gesunde Ernährung und höchstens moderater Alkoholkonsum. Wer im Alter von 50 Jahren alle fünf Faktoren erfüllte, hatte eine um rund 14 Jahre (Frauen) beziehungsweise rund 12 Jahre (Männer) höhere Lebenserwartung als jene, die keinen davon erfüllten. Es handelt sich um Beobachtungsdaten – die Größenordnung ist dennoch bemerkenswert.
Bewegung
Bewegung gehört zu den am besten belegten Faktoren. In einer gepoolten Auswertung mehrerer Kohortenstudien (Arem et al., 2015) hatten Menschen, die die empfohlene Mindestmenge an Bewegung in der Freizeit erreichten – 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche –, ein um rund 31 Prozent geringeres Sterberisiko als Inaktive. Schon weniger als die empfohlene Menge war mit einem um etwa 20 Prozent geringeren Risiko verbunden. Mehr Bewegung brachte zusätzliche, aber kleiner werdende Vorteile.
Ernährung und Kalorienzufuhr
Eine pflanzenbetonte Ernährung nach dem Vorbild der Mittelmeerkost ist in Studien mit niedrigeren Entzündungswerten und einem geringeren Risiko für altersbedingte Erkrankungen verbunden – mehr dazu im Beitrag Entzündungshemmende Lebensmittel. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt außerdem die Kalorienreduktion. In der CALERIE-Studie aßen gesunde Erwachsene zwei Jahre lang im Schnitt rund zwölf Prozent weniger Kalorien. Ein epigenetisches Messverfahren zeigte danach ein um zwei bis drei Prozent verlangsamtes Tempo des biologischen Alterns (Waziry et al., 2023). Zwei andere Messverfahren zeigten keinen Unterschied. Ob sich daraus mehr gesunde Lebensjahre ergeben, ist offen.
Soziale Beziehungen
Ein oft unterschätzter Faktor: Eine Meta-Analyse von 148 Studien mit über 300.000 Teilnehmenden fand bei Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit im Beobachtungszeitraum (Holt-Lunstad et al., 2010). Die Größenordnung ist vergleichbar mit bekannten Risikofaktoren wie Rauchen.
Schlaf und Stress
Dauerhaft zu wenig Schlaf und chronischer Stress gehören zu den Faktoren, die in der Forschung mit erhöhten Entzündungswerten und einem schnelleren Altern in Verbindung gebracht werden. Für einen erwachsenen Menschen gelten sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht als Richtwert.
Biologisches Alter: Kann man messen, wie schnell wir altern?
Das kalendarische Alter sagt wenig darüber, wie gut der Körper in Form ist. Die Forschung entwickelt deshalb Messverfahren für das biologische Alter. Am bekanntesten sind epigenetische Uhren: Sie werten chemische Markierungen an der Erbsubstanz aus, sogenannte DNA-Methylierungsmuster. Die erste weithin genutzte Uhr stellte Steve Horvath 2013 vor. Neuere Verfahren wie DunedinPACE schätzen nicht das biologische Alter, sondern das Tempo, mit dem ein Mensch altert.
Solche Tests sind inzwischen auch kommerziell erhältlich. Fachleute sehen sie aber noch als Forschungsinstrument: Die Ergebnisse verschiedener Uhren weichen teils deutlich voneinander ab, und was eine Veränderung des Messwerts für die künftige Gesundheit bedeutet, ist noch nicht ausreichend geklärt.
Longevity-Supplements: Was ist belegt?
Mit dem Interesse an Longevity ist ein großer Markt für Nahrungsergänzungsmittel entstanden. Untersucht werden unter anderem Moleküle wie NAD+ und seine Vorstufen, Spermidin, Resveratrol oder Coenzym Q10. Ein großer Teil der Forschung stammt aus Zell- und Tierversuchen. Für kein Nahrungsergänzungsmittel ist bisher belegt, dass es die Lebensdauer oder die gesunde Lebenszeit von Menschen verlängert.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die besten Belege für ein langes, gesundes Leben betreffen nach wie vor die Grundlagen: Bewegung, Ernährung, Nichtrauchen, Schlaf und soziale Verbundenheit.
Longevity im Alltag: sechs Grundlagen
- Bewegen: mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche, dazu zweimal pro Woche Kraftübungen.
- Pflanzenbetont essen: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse, Olivenöl, regelmäßig Fisch – wenig stark verarbeitete Lebensmittel.
- Nicht rauchen und Alkohol, wenn überhaupt, nur in kleinen Mengen.
- Gut schlafen: sieben bis neun Stunden, zu möglichst regelmäßigen Zeiten.
- Verbunden bleiben: Freundschaften, Familie und Gemeinschaft pflegen.
- Vorsorge nutzen: Blutdruck, Blutzucker und Blutfette regelmäßig ärztlich kontrollieren lassen.
Keiner dieser Punkte ist neu – und genau darin liegt eine Kernaussage der Longevity-Forschung: Die wirksamsten bekannten Hebel sind nicht spektakulär, aber sie wirken über Jahrzehnte.
Häufige Fragen
Was heißt Longevity auf Deutsch?
Longevity bedeutet Langlebigkeit. Im heutigen Sprachgebrauch ist meist ein langes Leben bei guter Gesundheit gemeint – also nicht nur mehr Lebensjahre, sondern mehr gesunde Lebensjahre.
Ab welchem Alter ist Longevity ein Thema?
Die meisten Faktoren, die mit einem gesunden Altern verbunden sind, wirken über viele Jahre. In der Studie von Li et al. zeigte sich der Zusammenhang noch bei Menschen, die mit 50 Jahren betrachtet wurden. Es ist also weder zu früh noch zu spät, sich damit zu beschäftigen.
Kann man das biologische Alter senken?
Einzelne Studien zeigen, dass sich Messwerte epigenetischer Uhren durch Veränderungen im Lebensstil verschieben können. Ob das tatsächlich mehr gesunde Lebensjahre bedeutet, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.
Gibt es Mittel, die das Leben nachweislich verlängern?
Beim Menschen nicht. Einige Wirkstoffe verlängern in Tierversuchen die Lebensdauer, für Menschen fehlen entsprechende Belege. Am besten untersucht sind die Grundlagen des Lebensstils.
Was hat Longevity mit Entzündungen zu tun?
Chronische, niedriggradige Entzündung gehört zu den zwölf Kennzeichen des Alterns und steht mit vielen altersbedingten Erkrankungen in Verbindung. Mehr dazu im Beitrag Inflammaging: Warum stille Entzündungen das Altern antreiben.
Weiterführende Quellen (Auswahl)
- López-Otín C. et al. (2023): Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell.
- Ruby J. G. et al. (2018): Estimates of the Heritability of Human Longevity Are Substantially Inflated due to Assortative Mating. Genetics.
- Li Y. et al. (2018): Impact of Healthy Lifestyle Factors on Life Expectancies in the US Population. Circulation.
- Arem H. et al. (2015): Leisure time physical activity and mortality: a detailed pooled analysis of the dose-response relationship. JAMA Internal Medicine.
- Waziry R. et al. (2023): Effect of long-term caloric restriction on DNA methylation measures of biological aging in healthy adults from the CALERIE trial. Nature Aging.
- Holt-Lunstad J., Smith T. B. & Layton J. B. (2010): Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Medicine.
- Horvath S. (2013): DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biology.
- Eurostat (2025): Healthy life years statistics, Daten für 2023.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über ein wissenschaftliches Forschungsfeld. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung und trifft keine Aussagen über die Wirkung einzelner Produkte.
Redaktion LyfespanX. Veröffentlicht im Oktober 2026.





