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Inflammaging: Warum stille Entzündungen das Altern antreiben

von Mag. Christian Wurstbauer An Aug 02, 2026
Mag. Christian Wurstbauer, Apotheker in Wien, im Beratungsgespräch in der Apotheke

Was die Forschung über chronische Entzündungsprozesse weiß — und warum der Begriff Inflammaging in der Altersforschung eine zentrale Rolle spielt.

Lesezeit: rund 6 Minuten

Was ist Inflammaging?

Inflammaging ist ein wissenschaftlicher Begriff, zusammengesetzt aus „Inflammation“ (Entzündung) und „Aging“ (Altern). Er beschreibt einen chronischen, niedrigschwelligen, systemischen Entzündungszustand, der sich mit zunehmendem Alter entwickelt — ohne akute Krankheitsursache, ohne Schmerz, fast unmerklich.

Geprägt wurde der Begriff im Jahr 2000 vom italienischen Immunologen Prof. Claudio Franceschi. Er gehört heute zu den meistuntersuchten Konzepten der modernen Altersforschung: Allein zwischen 2005 und 2024 erschienen dazu über 1.800 wissenschaftliche Arbeiten.

Das Problem mit dem Wort „Longevity“

„Longevity“ ist in aller Munde. PD Dr. Patrick Weninger, Facharzt für Orthopädie mit Schwerpunkt Gelenkerhaltung und regenerative Medizin, sieht den Begriff kritisch:

„Das Wort Longevity heißt übersetzt Langlebigkeit. Ist für mich aber ein eher unglücklich gewählter Begriff. Warum? Weil er nicht beschreibt, worum es geht. Er zeigt nur, was das Ziel ist, aber nicht, wie man dorthinkommt.“

— PD Dr. Patrick Weninger

Die eigentliche Frage lautet nicht, wie lange wir leben, sondern wie lange wir gesund bleiben. Die Antwort, die die moderne Forschung zunehmend gibt, setzt eine Ebene tiefer an: beim Verständnis dessen, was auf zellulärer Ebene geschieht.

Entzündung — die stille Kraft, die Gewebe altern lässt

Wenn wir an Entzündung denken, denken wir meist an etwas Sichtbares: Rötung, Schwellung, Schmerz. Das ist akute Entzündung — ein Schutzreflex des Körpers, der nach einer Verletzung oder Infektion einsetzt und nach einigen Tagen abklingt.

Inflammaging ist das Gegenteil davon: leise, schleichend, unsichtbar.

Ein Bild dazu: Akute Entzündung ist wie ein Feuerwehreinsatz — gezielt, schnell, dann vorbei. Inflammaging ist wie ein Schwelbrand: kein offenes Feuer, kein sichtbarer Rauch — und trotzdem verändert sich das Gewebe langsam.

Messbar ist dieser Zustand über Entzündungsmarker im Blut. Bei Inflammaging liegen Werte wie Interleukin-6 (IL-6), TNF-alpha und CRP typischerweise zwei- bis vierfach erhöht — auch dann, wenn sich die betroffene Person völlig gesund fühlt.

Wie Inflammaging entsteht — vier Treiber

Die Forschung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten vier Hauptmechanismen identifiziert:

  • Zelluläre Seneszenz (SASP). Alte, erschöpfte Zellen sterben nicht einfach ab — sie bleiben im Gewebe und schütten laufend entzündungsfördernde Botenstoffe aus, den sogenannten „Senescence-Associated Secretory Phenotype“. Je mehr seneszente Zellen sich ansammeln, desto höher der Entzündungspegel.
  • Mitochondriale Dysfunktion. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle. Mit dem Alter arbeiten sie ineffizienter, produzieren mehr reaktive Sauerstoffspezies und aktivieren damit entzündliche Signalwege, besonders den NF-κB-Pfad.
  • Darmflora-Ungleichgewicht (Dysbiose). Der Darm ist eng mit dem Immunsystem verknüpft. Mit dem Alter verschiebt sich die Zusammensetzung der Darmflora — pro-entzündliche Bakterien gewinnen an Anteil, was systemische Entzündungsreaktionen auslösen kann.
  • Immunseneszenz. Das alternde Immunsystem verliert an Präzision und verbleibt in einem Zustand chronischer, niedrigschwelliger Aktivierung — ein Dauersignal, das Gewebe langfristig belastet.

Warum das Konzept so viel Aufmerksamkeit bekommt

Die Forschung beschreibt Inflammaging als verbindendes Element zwischen scheinbar unzusammenhängenden Alterungsprozessen. PD Dr. Weninger fasst zusammen, warum der Begriff für seine Arbeit zentral geworden ist:

„Anti-Inflammaging subsumiert ganz genau, worum es uns geht – nämlich sowohl in den Gelenken als auch in den inneren Organen wollen wir diese chronisch entzündlichen Prozesse minimieren oder sogar ausschalten.“

— PD Dr. Patrick Weninger

Nach heutigem Forschungsstand teilen viele altersassoziierte Erkrankungen eine entzündliche Grundlage — darunter Gelenkdegeneration, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Sarkopenie.

Inflammaging ist dabei nicht die alleinige Ursache, sondern ein gemeinsamer biologischer Nenner. Genau das macht den Begriff für die Altersforschung so interessant.

Häufige Fragen

Wie unterscheidet sich Inflammaging von einer normalen Entzündung?

Akute Entzündung ist eine Schutzreaktion — sie tritt auf, heilt und klingt ab. Inflammaging ist chronisch, niedrigschwellig, ohne erkennbaren Auslöser und ohne natürliches Ende. Messbar wird es über dauerhaft leicht erhöhte Entzündungsmarker im Blut, auch ohne Krankheitsgefühl.

Kann man Inflammaging messen?

Teilweise. Über Bluttests auf Entzündungsmarker wie CRP, IL-6 und TNF-alpha, sowie über sogenannte „Inflammatory Clocks“, die aus Biomarkern ein rechnerisches „Entzündungsalter“ ableiten. Diese Diagnostik ist Gegenstand aktiver Forschung, unter anderem durch Franceschi selbst (Nature Aging, 2025).

Was bedeutet Anti-Inflammaging?

Der Begriff beschreibt Strategien, die der chronischen Entzündungsbelastung entgegenwirken sollen — vor allem über den Lebensstil: Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stressreduktion. Die Forschung dazu ist in Bewegung und weit von abschließenden Antworten entfernt.

Ist Anti-Inflammaging® dasselbe?

Nein. Anti-Inflammaging® ist eine eingetragene Marke der LyfespanX GmbH und bezeichnet das Markenkonzept des Unternehmens. Es handelt sich nicht um eine in der EU zugelassene gesundheitsbezogene Angabe.

Weiterführende Quellen (Auswahl)

  • Franceschi C. et al. (2000): Inflamm-aging — An evolutionary perspective on immunosenescence. Annals of the New York Academy of Sciences.
  • Franceschi C. & Campisi J. (2014): Chronic inflammation (inflammaging) and its potential contribution to age-associated diseases. Journal of Gerontology.
  • Franceschi C. et al. (2025): Toward precision interventions and metrics of inflammaging. Nature Aging.
  • López-Otín C. et al. (2013): The Hallmarks of Aging. Cell.
  • Furman D. et al. (2019): Chronic inflammation in the etiology of disease across the life span. Nature Medicine.
  • Jiang B. et al. (2025): Global research trends in inflammaging from 2005 to 2024 — a bibliometric analysis. Frontiers in Aging.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über ein wissenschaftliches Forschungsfeld. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung und trifft keine Aussagen über die Wirkung einzelner Produkte.

Autor: Mag. Christian Wurstbauer, Apotheker in Wien, Co-Geschäftsführender Gesellschafter der LyfespanX GmbH. Interview: PD Dr. Patrick Weninger. Veröffentlicht im August 2026.

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